Schon vor Jahren galt: »Alle Geschichten sind bereits verfilmt«. Hollywood schmort im eigenen Saft - trotz der der Anstrengungen neue Talente aus der ganzen Welt anzuziehen. Jetzt tritt eine neue Generation von jungen Regisseuren an, die den Saft verquirlt und die alten Geschichten mit modernen Mitteln ganz neu erzählt. Ihr Stil erinnert an Luc Besson, Sergio Leone und John Woo. Ihr Anspruch ist pure Unterhaltung. Botschaften sind ihnen fremd¹. Sie wollen die Welt nicht verändern - aber sie ändern die Art, wie wir Filme sehen.
An ihre Spitze hat sich mit »Pulp Fiction« Quentin Tarantino gesetzt. Er hat keine Filmhochschule besucht sondern in einem Videoshop gearbeitet. Seine Ausbildung sind, neben Comics und Groschenromanen, die unzähligen Filme, die er wieder und wieder gesehen hat, darunter viele Billigproduktionen, klassische Komödien, Western und Gangsterstreifen aus Hollywoods Hochzeit, französische Nouvelle Vague und nicht zuletzt Krimis und Actionfilme aus Hongkong und Japan. In »True Romance« zieht sich der Held, Aushilfskraft in einem Comicladen, an seinem Geburtstag drei Sonny-Chiba-Streifen rein. Dies ist der Anfang von Tarantinos erstem Drehbuch und die Ähnlichkeit mit dem Autor ist sicher nicht zufällig. Doch damit ist der Einfluß der Wirklichkeit auf Tarantinos Werk erschöpft. Wir tauchen ein in die Welt des Kinos und des (Pulp) Fiction. Personen und Handlung stammen aus der Trivialkultur. Sie orientieren sich an den Gesetzen und Mythen der Genres. Genau das Richtige für eine Generation, die ihr Bild der Realität zunehmend dem Fernsehen entnimmt. Tarantino kondensiert die Figuren und Geschichten auf ihren Kern und kombiniert die Versatzstücke neu. Wie bei Kung-Fu-Filmen kommt es bei den Actionszenen nicht auf das Gemetzel sondern die Choreographie an. Man sieht immer: dies ist purer Comic - nichts, was innerlich treffen könnte. (Dafür sind die archetypischen Geschichten zuständig.) So kann man auch beim großen Showdown in »True Romance« noch kräftig Lachen. Hinzu kommen Tarantinos »coole« Dialoge, ein perfektes Gefühl für Timing und die Kunst des Auslassens. Was andere Hollywoodfilme zeigen, überläßt Tarantino der Vorstellungskraft des Zuschauers. Während woanders alles erklärt ist, kann man sich über den Showdown in »Reservoir Dogs« oder den Kofferinhalt² und die Zeitebenen in »Pulp Fiction« noch jahrelang streiten.
Robert Rodriguez machte mit »El Mariachi« auf sich aufmerksam, den er für $7000 drehte - gerade genug für das Filmmaterial. Fehlende Mittel für Ausstattung und special effects kompensiert er durch raffinierte Schnitte. Für die Fortsetzung »Desperado« stellte Columbia Pictures schon $ 4 Mio. zur Verfügung. Quentin Tarantino übernahm eine Nebenrolle. Jetzt kommen mit »Four Rooms« und »From Dusk Till Dawn« zwei Filme in die Kinos, bei denen beide zusammen hinter der Kamera standen.
1963 in Tennesse geboren; aufgewachsen in South L.A.; Schulabbrecher; besucht Schauspielkurse; Gelegenheitsjobs; 1985-90 Arbeit in einem Videoshop; Drehbücher für »True Romance« (1987) und »Natural Born Killers« (1988). Er will sie selbst verfilmen, doch die Finanzierung scheitert immer wieder. Schließlich verkauft er 1990 das Buch zu »True Romance« für $50.000. Mit diesem Geld will er sein neustes Drehbuch, »Reservoir Dogs«, auf 16mm verfilmen. Freunde sollen schauspielern. Dann erhält über den Freund einer Bekannten eines Freundes Harvey Keitel das Script. Er will eine Rolle übernehmen und vermittelt eine Finanzierung. 1991 kann Tarantino den Film mit $1.5 Mio. auf 35mm drehen. 1992 reist er mit seinem Erstling über die Festivals und findet auch gleich einen Verleih. »Reservoir Dogs« wird ein Erfolg und Tarantino als Regiehoffnung gehandelt. Er produziert für Roger Avary, seinen Kumpel aus dem Videoshop, »Killing Zoë«. Für seinen nächsten Film, »Pulp Fiction« kann sich Tarntino bereits die Schauspieler aussuchen. Im Mai 1994 wird er in Cannes uraufgeführt und gewinnt die Goldene Palme. Als »Pulp Fiction« im Oktober 1994 in die Kinos kommt, ist Tarantino bereits Hollywoods hottest name.