Wenn es in den letzten Jahren aufregend neue Filme zu entdecken galt, kamen diese häufig aus Australien oder Neuseeland. Kein Wunder also, daß »Filme vom anderen Ende der Welt« einen Schwerpunkt im Programm des Filmstudios bilden. Es lohnt sich also genauer hinzuschauen.
[Kursive Links verweisen auf die Internet Movie Database].
Die Entwicklung der Filmproduktion und -kultur in Australien steht dabei beispielhaft auch für das kleinere Nachbarland. Schon Anfang des Jahrhunderts gibt es eine rege Filmproduktion. Der Spielfilm The Story of the Kelly Gang ist 1906 über eine Stunde lang - damals Weltrekord! Doch schon in den 20er Jahren geht es bergab. Amerikanische Firmen haben die australischen Kinos unter ihre Kontrolle gebracht. Der Tonfilm und die Weltwirtschaftskrise bringen 1929 den totalen Zusammenbruch. Bis 1969 werden im Schnitt nur zwei Filme pro Jahr gedreht. Erst eine intensive staatliche Filmförderung ändert die Lage. Anfang der 80er Jahre gelingt mit Mad Max und Gallipoli [am 13.11.] der internationale Durchbruch. Doch weiterhin wandern die größten Talente wie Peter Weir, Bruce Beresford oder Phillip Noyce nach Hollywood ab.
Inzwischen ist eine neue Generation herangereift. Ihr unverbrauchtes Talent sorgt für den aktuellen Boom. Erstmals ziehen renommierte Namen wie Jane Campion und Peter Jackson auch internationales Geld an. Es bleibt abzuwarten, ob sie so dem Sog von Hollywood widerstehen können.
Auch bei der Auswahl der Themen ist der Einfluß Hollywoods spürbar. Die einheimische Filmindustrie konzentriert sich auf Stoffe, die Hollywood nicht im Angebot hat. Einen thematischen Schwerpunkt bilden naturgemäß Filme über die eigene Geschichte und Gegenwart. Dabei geht es häufig um das Verhältnis zum »Mutterland« Großbritanien (Gallipoli) bzw. den Einfluß des »großen Bruders« USA (Coca Cola Kid) sowie das Leben der Ureinwohner. In Jedda (1955), dem ersten australischen Farbfilm, rücken sie erstmals in den Mittelpunkt des Interesses, auch wenn die Geschichte noch sehr von weißen Wertvorstellungen geprägt ist. In der deutsch-australischen Co-Produktion Wo die grünen Ameisen träumen widmet sich Werner Herzog intensiver der Kultur der Aborigines. Das moderne Leben der Urbevölkerung in den trostlosen Vorstädten schildert Once Were Warriors [am 16.1.] am Beispiel der Maoris, polynesischer Einwanderer, die Neusseland einige hundert Jahre vor den Weißen besiedelten. Lee Tamahori, selbst halb Maori, hat letztes Jahr mit diesem Film einen Riesenhit gelandet. Weiteren Stoff für Filme, die man nicht aus Hollywood importieren kann bieten spektakuläre Kriminalfälle, z.B. Picnic am Valentinstag, Ein Schrei im Dunkeln und zuletzt Heavenly Creatures [am 23.10.], sowie Biographien wie Ein Engel an meiner Tafel.
Australische Filmemacher (und -macherinnen) haben daneben eine zweite Marktlücke entdeckt: Komödien über Außenseiter in unserer Geselllschaft. Dabei wird mit (und nicht über) die Hauptfigur gelacht. Als Beispiele muß man Malcolm [am 6.2.], Muriels Hochzeit, Strictly Ballroom und Priscilla - Königin der Wüste [am 19.12.] nennen. Am radikalsten ist in dieser Hinsicht Bad Boy Bubby, eine moderene Kaspar-Hauser-Geschichte.
Natürlich gibt es daneben vom Autorenfilm (Sweetie) über spannende Thriller (Todesstille) und Fantasyfilme (Der Navigator) bis zu weltweit erfolgreicher Unterhaltungsware (Mad Max, Crocodile Dundee) das ganze Spektrum der Filmgenre, ohne daß sich tiefergehende trypisch australische bzw. neuseeländische Bezüge festmachen lassen.
Am Anfang unserer kleinen Reihe steht am 23. Oktober Heavenly Creatures, die
Vorgeschichte eines Mordfalls, der 1957 ganz Neuseeland erschüttert hat.
Pauline und Juliet, zwei 15jährige Schülerinnen, werden schnell engste
Freundinnen. Die beiden Außenseiterinnen leben in einer Phantasiewelt und
erträumen sich ihren Roman. Später wollen sie weltberühmte
Schriftstellerinnen werden. Als die Eltern, denen diese Schwärmerei zu weit
geht, die beiden trennen wollen, entschließen sie sich ihre Phantasiewelt
gegen jede Bedrohung von außen zuverteidigen, und sei es durch Mord an
Paulines Mutter.
Peter Jackson hat sich mit seinen Splatterkomödien wie Braindead und Meet the Feebles eine weltweite Fangemeinde
geschaffen. In seinem neuesten Film richtet er sich erstmals an ein
breiteres Publikum. Trotzdem ist seine Handschrift in der Sorgfalt der
Inszenierung jederzeit zu erkennen - insbesondere an der liebevollen
Rekonstruktion des Neuseelands der 50er Jahre und dem perfektem
Bildaufbau.
Besonders innovativ ist der Einsatz der digitalen Tricktechnik. Mittels Morphing gehen Realität und Phantasie ineinander über und eröffnen
der Filmsprache neue, ungeahnte Möglichkeiten, die hier erstmals ausgelotet
werden. Die digitale Bildbearbeitung schafft den Sprung von einem Werkzeug
für billigere special effects zu einer unverzichtbaren Technik zur
kreativen Filmgestaltung.
Am 13. November folgt Gallipoli, Peter Weirs letzter rein australischer Film. Am Beispiel zweier Jungen schildert er die unrühmliche Geschichte des australischen Expeditionskorps im 1. Weltkrieg. Voller Enthusiasmus melden sie sich als Freiwillige. Anfangs, bei der Ausbildung in Ägypten, halten sie den Krieg noch für ein großes Abenteuerspiel. Doch der Elan weicht Entsetzen als sie von ignoranten englischen Generälen bei Gallipoli auf den Dardanellen in sinnlosen Sturmläufen auf türkische Stellungen verheizt werden. Der Film löste in Australien ein neues Geschichtsbewußtsein aus. Die Kinos in Sydney mußten den Film von früh morgens bis tief in die Nacht spielen, um dem Zuschauerandrang Herr zu werden.
Vor Weihnachten zeigen wir dann Priscilla - Königin der Wüste. Felicia, Mitzi und Bernadette, drei Transevestiten mit einer aufregenden Bühnenshow, haben das bornierte GroßstadtpubliKum satt. Da kommt ein Engagement in Alice Springs mitten in der australischen Wüste gerade recht. In ihrem klapprigen Bus »Priscilla« brechen sie von Sydney zu einer Reise quer durch das australische Outback auf. Hier fasziniert ihre exotische Show die Provinzler und die Ureinwohner. Doch am Ende dieses ungewöhnlichen Roadmovies steht eine Begegnung mit einem vergangenem Leben.
Im neuen Jahr folgt am 16. Januar Die letzte Kriegerin. Mit der
stolzen Kriegertradition der Maori hat das Leben von Beth Heke nicht mehr
viel gemein. Entwurzelt lebt ihre Familie in einer heruntergekommenen
Vorstadt von der Sozialhilfe. Seit ihr Mann Jeff seinen Job verloren hat,
hängt er mit seinen Kumpeln in der Kneipe und übt sich in Kraftprozerei und
Machogehabe. Abwechslung im öden Alltag bringen nur Parties und wilde
Besäufnisse. Dann kann Jeff sehr charmant sein. Beth liebt ihren Mann. Doch
wenig später prügelt er auf Frau und Kinder ein.
Etwas Kampfeskraft ist in Beth noch übrig geblieben. So versucht sie ihre
Familie zusammenzuhalten. Doch der älteste Sohn lebt schon mit einer Gang.
Der zweitälteste will das Jugendamt in ein Heim eingeweisen. Nur die
13jährige Grace bietet Anlaß zur Hoffnung. Sie kümmert sich um die beiden
Kleinsten, wenn die Mutter - durch Schläge oder Alkohol - zu blau dafür
ist. Und sie ist eine begnadete Geschichtenerzählerin, in der die Tradition
der Maoris fortlebt.
Schon die erste Einstellung reißt uns aus der Illusion harmonischer
neuseeländischer Landschaften und konfrontiert uns mit den harten Tatsachen
der Realität. Und hart geht es weiter: kräftige Farben, laute Musik, harte
Schnitte und packende Bilder. Man merkt, das Lee Tamahori zuvor Werbespots gedreht hat. Für Pastelltöne
oder das betulich-sozialarbeiterhafte eines Fernsehspiels ist in diesem Film
kein Platz. Dabei verkommen die Figuren niemals zu Abziehbildern sondern
werden zu richtigen Personen, insbesondere wenn lange verschüttete, in der
Tradition begründete Spannungen zwischen den Maori aufblitzen.
In Neuseeland wurde der Film zu einem kulturellen Phänomen. Rechnete die
Produktionsgesellschaft ursprünglich nur mit dem üblichen »aufgeschlossenen« Publikum plus zusätzlichen Besuchern aus den
Reihen der Maori, hat er überraschend alle Schichten der Gesellschaft
erreicht. Inzwischen hat jeder dritte Bewohner der Inseln Once Were Warriors gesehen.
Malcolm beendet
am 6. Februar unsere kleine Reihe. Dieser Film dürfte das Herz jedes
Ingenieurs - aber nicht nur jedes Ingenieurs - höher schlagen lassen, denn
Malcolm ist ein begnadeter Tüfftler, der allein in mitten seiner sonderbaren
Maschinen lebt. Nur vor anderen Menschen - oder gar Frauen - und dem realen
Leben hat er panische Scheu.
Seinen Job im Straßenbahndepot verliert er, als er mit einer
selbstgebastelten Straßenbahn durch Melbourne fährt. Jetzt muß er ein Zimmer
vermieten, um seine rechnungen bezahlen zu können. Frank, frisch aus dem
Gefängnis entlassen, zieht zu Malcolms Entsetzen mit seiner Freundin Judith
ein. Zunächst gibt es Spannungen zwischen den dreien. Doch dann entdeckt
Judith gewinbringende Einsatzmöglichkeiten für Malcolms Talente. Die Folge
sind zwei der lustigsten Banküberfälle der Filmgeschichte.
Regisseurin Nadia Tass hat diesen Film ihrem Bruder gewidmet.